Saudi-Arabien und der Iran: Rivalen an einem Tisch
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Saudi-Arabien
und der Iran ringen um die Vorherrschaft in der Region Nun nehmen die
Staatschefs beider Länder an einer Konferenz in Istanbul teil – ein
Erfolg für die Türkei.
Der türkische Präsident Erdogan (r.) will zwischen Saudi-Arabiens König Salman und dem Iran vermitteln.Foto: Umit Bektas/Reuters
Einigkeitsappelle gehören vor großen internationalen
Konferenzen zum Ritual. Auch vor dem zweitägigen Gipfeltreffen der
Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), das an diesem
Donnerstag in Istanbul beginnt, rufen Politiker zur Geschlossenheit auf.
Bruderkämpfe und konfessioneller Streit zwischen Sunniten und Schiiten
schwächten die islamische Welt, beklagte der türkische Außenminister
Mevlüt Cavusoglu bei einem Vorbereitungstreffen. Das müsse aufhören. Tatsächlich bringt die Zusammenkunft am Bosporus – und die gemeinsame
Furcht vor dem „Islamischen Staat“ (IS) – sogar die Hauptstreithähne Saudi-Arabien und den Iran jetzt an einen Tisch.
Das
sunnitische Saudi-Arabien und der schiitische Iran sind
regionalpolitische Kontrahenten, die unter anderem in den Konflikten in
Syrien und im Jemen miteinander rivalisieren. Nun werden sowohl der
saudische König Salman als auch der iranische Präsident Hassan Ruhani in
Istanbul erwartet. Salman hält sich schon seit Dienstag in der Türkei
auf und hat mit Gastgeber Recep Tayyip Erdogan
über eine Vertiefung der türkisch-saudischen Beziehungen gesprochen.
Ruhani wurde als einer der mehr als 30 Staats- und Regierungschefs beim
OIC-Gipfel im Laufe des Mittwoch in Istanbul erwartet.
Klage über schiitischen Expansionsdrang
Die
Teilnahme des iranischen Präsidenten an dem Treffen der 56 Mitglieder
zählenden Organisation ist keine Selbstverständlichkeit. Saudi-Arabien
wie auch Gastgeber Türkei beklagen schon lange einen
iranisch-schiitischen Expansionsdrang, der sich unter anderem in der
Unterstützung für den syrischen Präsidenten Baschar al Assad und für die
Huthi-Rebellen in Jemen zeige.
Seit dem Atomdeal und dem damit
einhergehenden Ende der internationalen Sanktionen gegen Teheran sind
diese Befürchtungen insbesondere bei den Saudis noch weiter gewachsen.
Riad sieht sich vom Verbündeten USA im Stich gelassen. Das ist einer der
Gründe dafür, dass sich Saudi-Arabien und die Türkei nach Jahren des
Streits wieder annähern; auch Erdogan hatte dem Iran mit Blick auf den Konflikt im Jemen
vorgeworfen, die ganze Region dominieren zu wollen. Im Gegenzug
beschuldigte Teheran den türkischen Präsidenten, Konflikte im Nahen
Osten zu schüren.
Noch vor einigen Wochen ließ Teheran verlauten,
die Entscheidung über die Reise des Präsidenten nach Istanbul hänge
davon ab, wie sich Saudi-Arabien verhalte und wie der Entwurf für die
Abschlusserklärung aussehe. Hassan Ruhani, der selbst als Verfechter
einer Annäherung mit den Saudis gilt, entschloss sich schließlich zur
Teilnahme. Die islamische Welt müsse gegen Terrorismus und Extremismus
zusammenstehen, erklärte er.
IS-Terror "bedroht unsere Stabilität"
Damit sprach Ruhani einen Akteur an, der in Istanbul zwar
nicht eingeladen ist, aber auch ohne einen Platz im Sitzungssaal eine
große Rolle spielt: der „Islamische Staat“. Dessen Vormarsch im Irak und
in Syrien hat schiitische wie sunnitische Staaten geschockt. Der Terror
„bedroht unsere Stabilität“, sagte Cavusoglu. Es liege im Interesse
aller islamischer Staaten, sich dagegen zu wehren.
In der Tat
verbindet Saudi-Arabien und den Iran die Furcht vor den Dschihadisten.
Der gemeinsame Feind reicht allerdings nicht aus, die erheblichen
Konflikte zwischen den beiden Regionalmächten zu übertünchen. Im
Gegenteil. Die Beziehungen zwischen Riad und Teheran sind inzwischen auf einem Tiefpunkt angelangt. Das wurde Anfang des Jahres deutlich.
Im Januar ließ das saudische Königshaus den prominenten schiitischen
Geistlichen und Prediger Nimr al Nimr hinrichten – weil dieser angeblich
Unruhen geschürt und gegen die Herrscher gehetzt hatte. Als Reaktion
auf die Exekution stürmten wütende Demonstranten Saudi-Arabiens
Botschaft in Teheran. Das wiederum empörte die Golfmonarchie so sehr,
dass sie die diplomatischen Beziehungen zum Iran abbrach. Für Riad war
der Vorfall ein weiterer Beweis dafür, dass Teheran alles daran setzt,
das sunnitische Königshaus zu schwächen und bloßzustellen. Man wähnt
sich von schiitischen Gegnern, die vom Iran in Stellung gebracht werden,
regelrecht umzingelt.
Irans Präsident Hassan Ruhani gilt als Verfechter eines moderaten Kurses gegenüber Riad.Foto: Abedin Taherkenareh/dpa
Angesichts dieser erheblichen Differenzen
erwartet niemand, dass König Salman und Präsident Ruhani in Istanbul
die vielen Streitthemen zwischen ihren Ländern ausräumen oder auch nur
zu einem bilateralen Treffen zusammenkommen werden. Doch ihre gemeinsame
Anwesenheit bei der Konferenz hat Symbolkraft – nicht nur gegenüber der
Terrormiliz „Islamischer Staat“, sondern auch gegenüber der nicht
islamischen Außenwelt: Muslimische Nationen wollen versuchen, ihre
Probleme unter sich und damit ohne Einmischung des Westens beizulegen.
Die Türkei
will dabei als Gastgeber zwischen den beiden verfeindeten Akteuren
vermitteln – und sich dabei auch aus einer eigenen Zwangslage befreien:
Eine bessere Zusammenarbeit der Staaten in der Region könnte dem Land
helfen, die Isolation zu beenden, in das es in den vergangenen Jahren
geraten ist. Das gilt besonders für den Syrien-Konflikt, in dem sich die
Regierung in Ankara mit der kompromisslosen Forderung nach Assads
Entmachtung in eine Sackgasse bugsiert hat. Außerdem sind sowohl
Saudi-Arabien als auch der Iran wichtige Energielieferanten für die
Türkei.
Erdogan möchte seinen guten Draht zu König Salman außerdem nutzen, um mithilfe einer saudischen Vermittlung die türkischen Beziehungen zu Ägypten
wieder zu verbessern. Der türkische Präsident und seine
Regierungspartei AKP waren wichtige Unterstützer für den islamistischen
ägyptischen Staatschef Mohammed Mursi, der vom derzeitigen Staatschef
Abdel Fattah al Sisi gestürzt wurde. Erdogan lehnt deshalb eine
Zusammenarbeit mit Sisi bisher strikt ab.
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