Andreas von Rétyi
Die Meldung lässt aufhorchen: eine außerirdische Waffe im Grab des Tutanchamun! So formuliert, klingt das natürlich utopisch. Doch im Grunde stimmt die Geschichte. Das wurde nun durch eine aktuelle Studie bestätigt. Allerdings kommt die Waffe selbst nicht aus dem All, immerhin aber ihr Material – es handelt sich um echtes Meteoriteneisen. Nur: Diese Tatsache ist schon längst bekannt.Nun berichtet also endlich auch der Mainstream darüber! Allerdings klingt es dort zuweilen so, als ob die Erkenntnis völlig neu wäre. Wissenschaftler haben einen rätselhaften Dolch aus dem Grab des altägyptischen Kindkönigs Tutanchamun chemisch analysiert und herausgefunden, dass die Klinge aus Meteoriteneisen besteht. So zumindest lassen sich viele aktuelle Berichte darüber verstehen.
Nach der sensationellen Entdeckung des Grabes durch den britischen Archäologen Howard Carter im November 1922 kamen nach Jahrtausenden unermessliche Schätze ans Tageslicht. Darunter auch zwei kunstvolle Dolche: der eine mit einer goldenen, der andere mit einer eisernen Schneide, beide wunderbar ornamentiert.
Auch der knapp 35 Zentimeter lange Eisendolch besitzt einen goldenen Griff, gekrönt von einem Kristallknauf und geschützt von einer kostbar verzierten Schwertscheide. Und vor allem dieser Dolch mit der scheinbar eher unspektakulären Eisenklinge hat es in sich. Denn bald erhärtete sich der Verdacht, es könne sich bei dem Metall um Meteoriteneisen handeln.
Eine Gruppe von ägyptischen und italienischen Forschern hat das kostbare Artefakt nun genauer untersucht. Vorgabe war selbstverständlich, keinerlei Materialprobe zu entnehmen und das Museumsstück lediglich einer äußeren Überprüfung zu unterziehen. Damit war die ohnehin weit verbreitete Röntgenfluoreszenzspektroskopie (RFS) die Methode der Wahl. Aus der dabei erzeugten Fluoreszenzstrahlung lassen sich klare Rückschlüsse auf die chemische Zusammensetzung ziehen.
Dabei stellte sich erwartungsgemäß heraus, dass die Klinge vorwiegend aus Eisen und Nickel besteht, bei einem vergleichsweise hohen Nickelgehalt von über zehn Massenprozent. Außerdem fielen geringere Konzentrationen an Kobalt auf (0,6 Prozent). Das entspricht genau der Komposition, wie sie bei einem typischen Nickel-Eisen-Meteoriten anzutreffen ist. Zwar enthalten auch historische Eisengegenstände aus irdischen Erzen Nickel, allerdings nur in wesentlich geringerem Umfang. Hier geht der Anteil nicht über vier Prozent hinaus. Der Nickelgehalt eines Meteoriten variiert hingegen je nach Typ etwa zwischen fünf und sogar 35 Prozent. Genau in dieses »außerirdische Fenster« fällt auch die Klinge des Tutanchamun-Dolchs. Und so folgern die Wissenschaftler: »Der hohe Nickelgehalt der Klinge legt zusammen mit dem geringen Kobaltanteil und dem Nickel-Kobalt-Verhältnis von etwa 20 sehr deutlich einen extraterrestrischen Ursprung nahe.«
Zwar ließe sich auch der genaue Meteoritentyp feststellen, doch würde ein solcher Test bereits invasive Methoden erfordern, die sich bei einem solchen Objekt verbieten. Die Forscher sind daher einen anderen Weg gegangen und haben alle Meteoriten zum Vergleich herangezogen, die in der Region rund 2000 Kilometer um die Küste des Roten Meeres gefunden wurden. Ziel war dabei, eine Probe möglichst ähnlicher chemischer Zusammensetzung zu finden.
Die zurate gezogene Datenbank lieferte einen interessanten Treffer: den Kharga-Meteoriten, der am 8. Mai 2000 im ägyptischen Marsa Matruh auf einem Kalksteinplateau gefunden wurde – rund 240 Kilometer westlich von Alexandria. Beobachtungen zum Fall dieses Meteoriten, Typ »feiner Oktaedrit«, sind nicht bekannt. Feine Oktaedrite zeigen ein enges Muster der berühmten Widmanstättenschen Figuren, die beim Ätzen der meisten polierten Oberflächen von Eisenmeteoriten hervortreten und die extraterrestrische Natur des Objekts belegen. Sie weisen durch die feine Struktur mehr Bandeisen auf, das Mineral Taenit, das einen deutlich höheren Nickelgehalt aufweist als das sogenannte Balkeneisen Kamacit. Beim Kharga-Meteoriten stimmt das Verhältnis mit der Dolchklinge überein. Das beweist allerdings noch nicht, dass die Klinge wirklich aus jener Eisenmasse gefertigt wurde.
Die Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachjournal Meteoritics & Planetary Science.
Über den Dolch des Tutanchamun und seine Meteoritenklinge wird hingegen nicht erst seit dieser Veröffentlichung berichtet. Sie untermauert lediglich die längst bekannten Annahmen zur Natur des Metalls und damit zur Außergewöhnlichkeit jener Grabbeigabe. Auch in der Fachliteratur wurde der Dolch des Tutanchamun immer wieder als Beispiel für künstlich bearbeitetes Meteoriteneisen aus antiker Zeit geführt. Vermutungen gingen zum Teil in die Richtung, dieses Objekt sei einst ein Geschenk des Hethiterkönigs gewesen, da dieses Volk schon sehr bald mit der Eisenverarbeitung begann und daher gute Erfahrungen auf dem Gebiet besaß. Allgemein arbeitete man zuvor mit Kupfer, Bronze und Gold, bis dann Eisen als Werkmaterial folgte.
Das »Eisen vom Himmel« hatte für die Ägypter – und nicht nur für sie – eine ganz besondere Bedeutung. Man wusste, dass das Metall tatsächlich vom Himmel auf die Erde herabfiel. Und damit war die Nilkultur dem Abendland wieder einmal um Jahrtausende voraus. Sogar als der deutsche Gelehrte Ernst Florens Friedrich Chladni im Jahr 1794 sein Werk Über den Ursprung der von Pallas gefundenen und anderer ihr ähnlicher Eisenmassen und über einige damit in Verbindung stehende Naturerscheinungen veröffentlichte, um damit Belege für die extraterrestrische Natur der Meteorite vorzulegen, schien diese Erklärung den meisten Forschern völlig absurd. Chladni konnte sich des Spotts und der Anfeindungen kaum wehren. Er wurde sogar beschuldigt, er wisse gar nicht, wie sehr er doch an allem moralischen Übel in der Welt schuld sei, wenn er derlei Geschichten verbreite. Einzig dumm nur, dass er völlig im Recht war.
Wie auch immer, über die kulturgeschichtliche Bedeutung der »Meteoriteneisen« wurde in den vergangenen 150 Jahren sehr viel veröffentlicht. Zunächst schien die Verwendung dieses Materials eher unwahrscheinlich, gerade auch wegen der schlechten Verarbeitungs- und Anwendungsmöglichkeiten. Das kritisierte schon im Jahr 1879 der Gelehrte Ludwig Beck in einer längeren anthropologischen Abhandlung. Die kultische Bedeutung aber dürfte kaum zu unterschätzen sein. Interessant auch, dass das griechische Wort für Eisen sideros lautet und die Sterne im Lateinischen nicht nur stellae, sondern auch sidera heißen.
Als göttliche Gaben wurden Meteorite in vielen Kulturkreisen verehrt, aus dem Material gefertigte Waffen schienen Unverwundbarkeit zu versprechen – möglicherweise ein gefährlicher Vertrauensvorschuss. Viele Kulturen scheinen zu den verschiedensten Zeiten Meteoriten verehrt zu haben. Im Jahr 1907 stellte ein Professor F. Berwerth fünf javanische Waffen mit »Meteoriteneisen-Pamor« vor, die aus dem Meteoriten von Prambanan gefertigt wurden. Seit über 1000 Jahren wird im japanischen Nogata ein heiliger Meteorit in einem Shinto-Schrein gehütet. Chinesische Gelehrte zeichneten Meteoritenfälle und -funde in späteren Zeiten dann teils auch sorgfältig auf.
Vor allem aus dem Mittelmeerraum sind aber Artefakte überliefert, die noch aus der Zeit vor 1000 vor Christus stammen, aus Regionen, die sich von Kreta bis in den Irak und von der Türkei bis nach Ägypten erstrecken. Etliche dieser Objekte wurden in altägyptischen Gräbern gefunden. Im Jahr 1973 veröffentlichte die amerikanische Meteoritenforscherin Judith Kingston Bjorkman hierzu eine interessante Auflistung. Gleich an erster Stelle erwähnt sie neun röhrenförmige (gerollte) Perlen aus den Gräbern Nummer 67 und 133 eines im Jahr 1911 entdeckten vorgeschichtlichen Friedhofs in Gerzeh (El-Gerza) rund 80 Kilometer südlich von Kairo. Die Grabstätten gehen nach Meinung der Archäologen auf die Zeit zwischen 3500 und 3000 vor Christus zurück.
Wie eine Untersuchung ergab, müssen jene Röllchen wohl um etwa 3200 vor Christus gefertigt worden sein, und sie bestehen aus Meteoriteneisen. Sie gelten als älteste Belege einer Eisenbearbeitung mit Kalthämmern und einer Verwendung von meteoritischem Eisen. Bemerkenswert war auch der Zustand der Skelette, der darauf hinweist, dass die Körper wohl nach dem Tod aus unbekannten Gründen zerschnitten worden waren. Entdecker des Friedhofs war der britische Ägyptologe Gerald Averay Wainwright, der auch ein besonderes Interesse an Meteoriten und ihrer Bedeutung in antiker Zeit hegte.
C. A. Chant, langjähriger Herausgeber des Journals der Royal Astronomical Society of Canada, schrieb im Jahr 1943 über antike Meteoriten und die Funde von Gerzeh: »Obwohl vom Neuen Reich her bekannt als ›Erz vom Himmel‹, scheint Eisenerz für den allgemeinen Gebrauch als Werkzeug und Waffe nicht vor der 25. Dynastie [712–663 v. Chr.] geschmolzen worden zu sein. Tatsächlich wurde das Problem der Nutzung von Eisen in Ägypten zum Gegenstand vieler Kontroversen. Als früheste datierte Eisenproben wurde eine Reihe von kleinen röhrenförmigen Perlen in einem kleinen prädynastischen Grab … bei El-Gerza gefunden. Obwohl sie völlig in Rost verwandelt sind, zeigte eine chemische Überprüfung, dass sie 7,5 Prozent Nickel enthielten und daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit meteoritischen Ursprungs sind.«
Judith Kingston Bjorkman führt in ihrer Liste unter anderem natürlich auch den Dolch des Tutanchamun auf. Hierzu erwähnt sie ebenfalls eine Analyse, durchgeführt vom bekannten Ägyptologen Dr. Nasri Iskander vor mittlerweile vielen Jahrzehnten! Dabei sei Nickel in genügend hoher Menge gefunden worden, um den meteoritischen Ursprung zu belegen. Derzeit stürzen sich die Mainstreammedien weltweit auf die Entdeckung, dass Tutanchamuns Dolchklinge einst aus einem Meteoriten gefertigt wurde. Doch verschlafen sie dabei, dass diese Tatsache längst bekannt ist und nun lediglich mit moderner Technik bestätigt wurde.
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