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Nizza, Würzburg, die Türkei: Welche Rolle spielt dabei die Religion? Die Redakteurin und Islamwissenschaftlerin Eva Marie Kogel debattiert mit dem Autor und Polemiker Henryk M. Broder.
Die Ereignisse einer Woche: In Nizza sterben
84 Menschen durch einen Anschlag mit einem Lkw, in der Türkei wird ein
Putschversuch niedergeschlagen und in Würzburg attackiert ein
17-Jähriger Passagiere eines Regionalzugs
Foto: v.li.AFP/GettyImages/DW
Eva Marie Kogel:
Nach den furchtbaren Attentaten der vergangenen Wochen gibt es die
Tendenz, man müsse endlich sagen dürfen, dass die ganzen Attentate "mit
dem Islam" zu tun hätten. Diese Forderung ist blödsinnig. Vielleicht
verstehe ich sie nicht. Können Sie mir da weiterhelfen?
Henryk M. Broder:
Nun, es geht nicht nur um die Täter von Orlando, Nizza, Würzburg, es
geht auch um die Täter von New York, London, Madrid, Brüssel, Paris,
Mumbai, Djerba, Bali, Mombasa, Toulouse, Toronto – nur um ein paar der
Tatorte zu nennen, die mir gerade einfallen. Wenn alle diese Täter ein
gemeinsames Merkmal hätten, wenn sie, sagen wir, Asthmatiker,
Vegetarier, Anhänger einer seltenen Kampfsportart gewesen wären, dann
würden wir uns auch fragen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen ihren
Taten und der Tatsache, dass die Täter Asthmatiker, Vegetarier,
Anhänger einer seltenen Kampfsportart gewesen sind. Es geht um ein
gemeinsames Muster.
Kogel: Welches Muster denn?
Einzeltäter-Attacken
Broder:
Wenn jemand mit einer Axt auf Reisende in einem Zug losgeht und dabei
"Sieg Heil!" und "Heil Hitler!" ruft, dann würden wir bestimmt nicht
fragen, ob und wann er der NSDAP beigetreten ist. Es würde reichen, dass
er "Sieg Heil!" und "Heil Hitler!" ruft, um ihn als Nazi zu
identifizieren. Die Täter, um die es hier geht, waren alle Muslime. Das
reicht, einen Anfangsverdacht zu begründen, dass ihre Taten etwas mit
ihrem Glauben oder, besser gesagt, mit ihrer Gesinnung zu tun haben
könnten.
Kogel: Verstehe.
Aber wenn Sie zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen, dann wird der Ihnen
ja auch erklären, dass es unterschiedliche Formen von Asthma gibt. Und
nur eine sehr extreme Ausprägung von Asthma dürfte einen ins Grab
bringen. Der Arzt schlägt dann bestimmt noch eine ganze Reihe von
Medikamenten vor, irgendwelche Sprays und so weiter. Was aber nichts
bringt: ganz laut schreien, dass Asthma blöd ist.
Broder: Stimmt,
es gibt verschiedene Formen von Asthma. Und verschiedene Formen von
Magen-, Darm- und Lungenkrebs. Aber wenn sie alle dazu führen, dass die
Betroffenen eine besondere Affinität zur Gewalt entwickeln, dann ist die
Frage nach dem gemeinsamen Nenner nur berechtigt. Wir reden seit den
Anschlägen von "9/11" über islamische Gewalt. Und um es uns einfacher zu
machen, unterscheiden wir zwischen dem Islam (friedliche Religion) und
dem Islamismus (eine zur Gewalt neigende politische Gesinnung), als ob
das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte, als ob es zwischen Alkohol
und Alkoholismus keine Verbindung gäbe.
Kogel: Natürlich gibt es die, aber nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.
Broder: Wir wollen nicht wahrhaben, dass der Islam ein Gewaltproblem hat, das nicht erst am 11.9.2001 die Weltbühne betrat. Schiiten und Sunniten
bekriegen sich seit über 1000 Jahren (und kommen Sie mir jetzt nicht
mit dem Dreißigjährigen Krieg, den sich Katholiken und Protestanten in
Europa lieferten); der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak
hat eine Million Menschen das Leben gekostet, im algerischen
Bürgerkrieg starben mindestens 200.000 Menschen. Und es waren Muslime,
die Muslime töteten. Jetzt wird die Kampfzone eben erweitert. Wir
brauchen nur aus der Tür zu treten und sind schon mittendrin.
Kogel:
Lassen wir vielleicht die armen Asthmatiker aus dem Spiel, die haben
schon genug zu leiden. Ich verstehe einige Punkte immer noch nicht: Was
lässt Sie denn glauben, "der Islam" habe ein Gewaltproblem? Was ist denn
"der Islam"? Und was mich auch noch stört: Diese Rede vom
"jahrtausendealten Konflikt", das ist doch wirklich Quatsch, das ist
historischer Determinismus. Wenn Sie heute mit Syrern oder Irakern um
die 30 reden, dann werden eine ganze Reihe von denen sagen, dass
Konfession für sie im persönlichen Alltag keine Rolle gespielt hat. Dass
sie nicht wussten, ob ihr Mannschaftskamerad beim Fußball Sunnit oder
Schiit oder Christ ist, oder dass es, wenn sie es denn wussten, nicht
wichtig war. Sie schreiben es ja selber: Der Krieg zwischen Irak und
Iran – da haben sich Staaten bekriegt. Natürlich ist Konfession ein
prima Mittel, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen.
Fasziniert von Gewalt, wenig religiös, schnell radikalisiert
Broder: Entschuldigen
Sie bitte, Frau Kollegin, Sie fragen mich im Ernst, wie ich darauf
komme, "der Islam" habe ein Gewaltproblem? Belieben Sie zu scherzen?
Meinen Sie vielleicht, Boko Haram sei eine Abteilung der Heilsarmee; die Armee des Islamischen Staates (IS),
der in den Nachrichten immer als "sogenannter Islamischer Staat"
bezeichnet wird wie einst die "sogenannte DDR", habe sich aus der
Schweizergarde entwickelt? Halten Sie die Revolutionären Garden im Iran
für eine Art Friedensbewegung?
Kogel: Lieber Herr Broder, Ihr liebstes Stilmittel ist die Übertreibung. Sie ist fast immer lustig, aber nicht immer treffend.
Broder:
Werfen Sie doch bitte einen Blick in die Kairoer Erklärung der
Menschenrechte aus dem Jahre 1990. Ein bemerkenswertes Dokument, in dem
klar festgehalten wird, dass Menschenrechte unter dem Vorbehalt der Scharia
gelten. Ich komme Ihnen aber gern entgegen. Wenn Sie meinen, der Islam
habe kein Gewaltproblem, dann fasse ich das Problem so zusammen: Im
Islam – und das in allen seinen Ausprägungen – gibt es gewaltige
Defizite, was Menschenrechte, Demokratie, Gewaltenteilung,
Meinungsfreiheit, Rechte der Frauen, religiöser und sexueller
Minderheiten angeht, also die Grundlagen einer friedlichen Gesellschaft
berührt.
Kennen
Sie einen einzigen katholischen, protestantischen oder jüdischen Autor,
der um sein Leben fürchten müsste, weil er es gewagt hätte, die
katholische, die protestantische oder die jüdische Glaubensgemeinschaft
zu kritisieren? Ich mache Sie gerne mit Hamed Abdel-Samad bekannt, über dem eine Todesfatwa
schwebt und der nur in Begleitung von Leibwächtern reisen kann. Ich
freue mich für Sie, dass Sie Syrer und Iraker um die 30 kennen, in deren
Alltag die Konfession keine Rolle spielt. Grüßen Sie sie von mir und
richten ihnen bitte aus, sie sollen dafür sorgen, dass in ihren Ländern
auch außerhalb des Fußballplatzes Religion und Weltanschauung keine
Rolle spielen.
Kogel:
Selbstverständlich berufen sich islamische Terroristen auf den Islam,
um ihre Taten zu rechtfertigen. Worauf denn sonst? Niemand bestreitet
das. Aber das beweist nicht, dass die "Kultur" den Terror hervorbringt.
Worin soll die Verbindung bestehen? Die Gleichung Islam = Terror soll
Rückschlüsse auf den Muslim als solchen erleichtern. Und immer noch
offen wäre, wie die Verbindung zwischen "dem Islam" und "der Gewalt"
denn aussehen soll. Der Golfkrieg zwischen Irak und Iran dürfte etwa mit
dem Attentat von Orlando schwer in eine Reihe zu stellen sein.
Aber wir
wollen ja konstruktiv sein, deswegen folgendes Gedankenspiel: Wenn wir
sagen, der Grund für die Gewalt ist der Islam, dann wäre demnach alles,
was Muslime tun, dem Islam zuzurechnen. Also wenn sie einen guten Kuchen
backen und ihren Freunden geben (hat einer meiner syrischen
Fußballfreunde gerade gemacht, ich bringe Ihnen gerne ein Stück mit, der
Freund ist übrigens gerade nach Jahren des Widerstandes gegen diverse
Terroristen hergeflüchtet, und glauben Sie mir, er hat alles
Menschenmögliche getan, um Attentate zu verhindern). Oder anders
gefragt: Erlaubt Ihnen der katholische Glaube Ihres Gegenübers
tatsächlich einen Rückschluss auf sein voreheliches Sexualverhalten?
Nach
allem, was wir wissen, war es nicht gerade die theologische Bildung,
die die Attentäter von Paris oder Nizza zur Gewalt gebracht hat. Sie
haben es erst mal zu ganz normalen französischen Verlierern und
Kleinkriminellen gebracht. Ihre Religiosität haben sie erst gleichzeitig
mit dem Dschihadismus
für sich entdeckt. Dass Armut und Außenseitertum in Verbindung mit
Allmachtsfantasien einen gefährlichen Cocktail ergeben, ist klar. Mit
dem Islamverständnis der Täter hat das nur oft wenig zu tun. Denn das
ist häufig sehr gering.
Broder: Haha, Armut und Außenseitertum! Osama Bin Laden
war wohl beides, er hatte nur vergessen, dass er aus einer reichen und
etablierten Familie stammte. Und der junge Mann, der an der TU
Hamburg-Harburg Städtebau studierte, nachdem er bereits ein
Architekturstudium an der Uni Kairo abgeschlossen hatte, war so arm, so
ausgegrenzt und so verzweifelt, dass er ein Passagierflugzeug kapern und
in den Nordturm des World Trade Center steuern musste.
Frau Kollegin, ich kann diese Sozialarbeiter-Leier nicht mehr hören!
Sie finden es daneben, dass ich eine Verbindung zwischen dem Islam und
der Neigung zur Gewalt ziehe. Sie selber aber ziehen ganz unbekümmert
eine Verbindung zwischen Armut und Außenseitertum auf der einen und der
Anfälligkeit für terroristische Aktivitäten auf der anderen Seite.
Wissen
Sie, wie viele Menschen in Deutschland arm und ausgegrenzt sind? Etwa
20 bis 25 Prozent der Bevölkerung. Und wie viele von ihnen sprengen sich
in die Luft oder setzen sich an das Lenkrad eines Lasters und bringen
84 Menschen um? Und nicht jeder "ganz normale Loser und Kleinkriminelle"
wird ein Terrorist. Viele begnügen sich damit, mit geklauten Zigaretten
zu handeln oder Spielautomaten zu knacken. Es muss etwas dazukommen,
etwas, was Sie nicht sehen wollen, damit aus ganz normalen Losern und
Kleinkriminellen Terroristen werden, etwas, was derzeit nur der Islam im
Angebot hat – die Rechtfertigung von Gewalt im höheren Auftrag. In
diesem Sinne ist der Islam mehr als eine Religion, er ist eine
Ideologie, dem Kommunismus mehr verwandt als dem Christen- und dem
Judentum, eine totalitäre Ideologie, die sich selbst nicht infrage
stellt und Kritik nicht duldet.
Kogel: Es ist eben nicht "der Islam", der eine totalitäre Ideologie ist. Totalitär ist nur die extremste Lesart durch eine Minderheit.
Broder:
So, wie gläubige Kommunisten "Das Kapital" interpretiert haben, nämlich
als die Quelle aller Erkenntnis, so interpretieren Muslime den Koran.
In einem 1400 Jahre alten Buch steht alles, was man über das Leben
wissen muss. Allein die Annahme, alle Menschen würden als Muslime
geboren, ist schon anmaßend. Und bitte, nennen Sie mir ein einziges
muslimisches oder muslimisch geprägtes Land (innerhalb der Arabischen
Liga und der Organisation der Islamischen Konferenz), in dem der Koran
nicht die Grundlage der Rechtskultur und der Rechtspraxis wäre.
Vielleicht kann Ihnen Ihr syrischer Fußballfreund weiterhelfen.
Kogel:
Diese "Sozialarbeiter-Leier" ist ein von Ihnen aufgestellter
Pappkamerad: Sie können ihn leicht widerlegen, nur ich hab sie nie
angestimmt. Und deute ich das richtig: Selbst Ihnen ist das Geleier vom
Gutmenschentum inzwischen zu abgedroschen? Selbstverständlich waren die
Attentäter von "9/11" nicht die Attentäter von Paris und Nizza. Die
einen waren gebildet und wohlhabend, die anderen nicht. Wir reden von
einer anderen Dschihadisten-Generation. Und auch wenn das nicht in Ihr
Muster passt: Die Unterschiede sind gewaltig. Ich habe nie behauptet,
Armut und Außenseitertum würden zwingend im Terrorismus enden. Ich habe
erst recht nie behauptet, die Täter verdienten dann Verständnis.
Ich habe aber
von einer dritten Zutat im Cocktail gesprochen: der Glaube, den anderen
überlegen zu sein. Vielleicht können wir uns auf Ihr Zahlenspiel
einigen: Wie viel arme Außenseiter sprengen sich in die Luft? Die
wenigsten. 1,6 Milliarden Muslime, wie viel Prozent davon haben sich
noch mal in die Luft gesprengt? Richtig, weiß keiner. Wären nämlich zu
viele Nullen vor und hinter dem Komma. Im Koran steht alles, was man
über das Leben wissen muss? Es gibt circa 6000 Verse, und davon sind
vielleicht 200 rechtsrelevant. Ein paar Verse zum Zinsverbot sind noch
kein Handelsrecht, und ein paar Verse zur Unzucht sind noch kein
Familienrecht. Soll heißen: Den Rest haben Menschen gemacht. Und zwar
immer wieder neu.
Bis
zum 19. Jahrhundert ist übrigens kein Fall von Steinigung belegt – noch
mal: kein einziger, und das in der gesamten arabischen Welt. Dass im
syrischen Recht ein Mann straffrei bleibt, der im Affekt seinen
Nebenbuhler erschlägt (wenn er ihn bei seiner Frau im Bett findet), ist
übrigens eine französische Erfindung. Das klassische islamische Recht
kennt so was nicht. Indem wir jedenfalls (fälschlicherweise!) betonen,
dass der Islam ein System ist, das sich nicht mit Demokratie verträgt,
spielt man doch nur den Islamisten in die Hände. Die behaupten ja auch,
dass der Islam ein starres Gedankengebäude wäre, das vor 1400 Jahren
errichtet wurde und genauso zu bewohnen ist wie damals.
Broder: Frau
Kollegin, ich weiß, ich weiß, darf ich in aller Demut und
Bescheidenheit darauf hinweisen, dass ich das, was Sie in Ihrem
romantischen Idealismus ein "Geschäft" nennen, schon länger betreibe?
2006 habe ich "Hurra, wir kapitulieren!" geschrieben, und seitdem kämpfe
ich mit lauter Pappkameraden: der Islamisierung unseres Alltags, dem
Appeasement unserer Politiker und der Naivität von Gutmenschen, die
sauber zwischen gebildeten und ungebildeten Terroristen, wie Sie es tun,
differenzieren. Ja, darauf kommt es an! Die einen können einen Jet
steuern, die anderen ziehen mit einem Hackebeil los. Nein, wir können
uns auf kein Zahlenspiel einigen.
Kogel: Ich kenne Ihr Frühwerk.
Broder: Es
ist völlig irrelevant, wie viele der 1,6 Milliarden Muslime sich in die
Luft gesprengt haben. So, wie es irrelevant ist, wie viele Deutsche ein
Parteibuch der NSDAP hatten. Oder wie viele als IM der Stasi
zugearbeitet haben. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, dass so gut wie
alle, die sich in die Luft gesprengt haben und dabei andere mitgenommen
haben, es mit dem Ruf "Allahu akbar!" taten. Oder fällt Ihnen einer
ein, der "Gelobt sei Jesus Christus!" oder "Baruch ha'Schem!" gerufen
hat, während er die Leine zog? Es ist mir übrigens völlig egal, seit
wann in islamischen Ländern gesteinigt wird. Es zählt nur, dass es heute
gemacht wird, in Anwesenheit von Menschen, die mit einem Bein in der
Barbarei und mit dem anderen in der Moderne stehen und die Steinigungen
mit ihren Handys filmen.
Ich
verweigere jede Art von Verständnis für diese Art von Kultur. Ich will
sie auch nicht importieren. Ich will keine Debatten führen über
Kopftücher im öffentlichen Dienst, über Schwimmunterricht für Mädchen,
über Männer, die Frauen keine Hand geben wollen, über Schweinefleisch in
Kantinen und "kultursensible Pflege" in Krankenhäusern. Und auch nicht
darüber, wie viel Islam im Islamismus steckt. Ich will auch nicht
genötigt werden, mich mit dem Koran zu beschäftigen, weder von weiß
gewandeten Salafisten in der Wilmersdorfer Straße noch von Ihnen.
Bleiben Sie bei Ihrer Wertschätzung für das "klassische islamische
Recht", das offenbar von den Kolonialherren versaut wurde. Und sobald
Sie den Islam gefunden haben, der mit Demokratie kompatibel ist, sagen
Sie mir bitte Bescheid.
Kogel: Wir
sollten die Diskussion vielleicht in Indonesien oder Indien fortsetzen.
Das sind ja beides Demokratien mit relativ hohem islamischem
Bevölkerungsanteil.
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