Seit rund hundert Tagen läuft »Anti-IS«-Offensive auf Mossul. Luftschläge fordern zivile Opfer. Gespräch mit Souad Naij Al-Azzawi
Von Karin Leukefeld
Umkämpfte Stadt: Zivilisten flüchten nach
Gefechten zwischen dem IS und der Irakischen Armee aus dem Osten von
Mossul (Mossul, 25.1.2017)
Foto: .AP Photo/ Khalid Mohammed
Wenn wir in deutschen Medien in diesen Tagen überhaupt etwas
über Mossul erfahren, dann geht es um »die Schlacht um Mossul«, dass
»Tausende fliehen« und dass »die irakische Armee den Osten von Mossul
eingenommen« habe. Entspricht das dem, was Sie aus Mossul hören?
Die
meisten Medien verbreiten die gleichen irreführenden Berichte. Sie
zeigen Fotos oder Videoclips, auf denen zu sehen ist, wie irakische
Soldaten und Peschmerga IS-Kämpfer durch die Straßen jagen und wie sie
sich in den Gebieten, die sie kontrollieren, um die Zivilisten kümmern.
Die Wahrheit ist, dass seit mehr als einer Woche Tag und Nacht Hunderte
Luftangriffe der US-Koalition und Langstreckenraketen über den
Wohngebieten, die sie befreien wollen, niedergehen. Hunderte Zivilisten
sterben oder werden in den Trümmern ihres Hauses verletzt. Andere
fliehen, wenn sie können. Wer zurückbleibt, sitzt in seinem Haus wie in
einer Falle, ohne Strom, ohne Trinkwasser, ohne Nahrungsmittel. Wenn sie
– wie in Ramadi und Falludscha – die meisten der Viertel zerstört haben
und sich sicher sind, dass IS-Kämpfer sich aus diesen Gebieten
zurückgezogen haben, dann kommt die Armee mit den Kameras und führt den
Fernsehteams ihren »Erfolg« vor. Währenddessen sterben die Verletzten
weiter in den Trümmern ihrer Häuser, weil es kein schweres Gerät gibt,
um sie zu bergen. Und selbst wenn die Verletzten geborgen werden, dann
gibt es kein Krankenhaus mehr in der Nähe, in dem sie versorgt werden
können. Denn die US-Koalition hat alle Krankenhäuser zerstört. Ich nenne
das die absichtliche Vernichtung der irakischen Zivilbevölkerung.
Wissen Sie, wie viele Menschen noch in Mossul leben?
Seit die militärische Operation begonnen hat, sind etwa 200.000 Menschen geflohen. Demnach dürften noch etwa 800.000 Menschen in Mossul leben.
Was wissen Sie über deren Lebenssituation, wie sieht der Alltag aus?
Die Lage in der Stadt ist schrecklich. Es gibt keinen Strom, kein sauberes Trinkwasser, kein Benzin, keine Nahrungsmittel. Wie sollen die Menschen schlafen können bei dem grauenhaften Lärm der Bombardierungen, der Kampfflugzeuge und in ständiger Angst, dass die eigene Wohnung, das eigene Haus als nächstes von den Raketen zerstört werden könnte? Die Familien wissen nicht, wo sie ihre Kinder oder alte, kranke Angehörige und Nachbarn noch sicher unterbringen können, damit sie nicht verletzt oder getötet werden, wenn die Raketen der »Befreier« ihr Zuhause treffen. Es mangelt an Medikamenten, die Krankenhäuser sind zerstört, und so können selbst einfache, sonst ungefährliche Krankheiten zum Tod von Kindern und Alten führen.
Laut Presseerklärungen des Zentralkommandos der US-Airforce hat die »Anti-IS-Allianz« die Universität von Mossul seit Anfang des Jahres tagelang angegriffen. Am 18.1. heißt es: »Die Befreiung der Universität nimmt dem IS eine bedeutende Basis für seine Operationen und Recherchen. Diese ist kulturell wichtig für die Bewohner von Mossul und als Bildungseinrichtung auch ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt.« Sie haben selber in Mossul studiert und Kontakte zu den Fakultäten, welche Informationen haben Sie von dort?
Sie (die US-Airforce, Anm. d. Red.) müssen das natürlich sagen, um ihre Kriegsverbrechen zu verschleiern. Sie haben die gesamte zivile Infrastruktur in Mossul angegriffen: die Stromversorgung, Wasserwerke, Krankenhäuser, die pharmazeutischen Industrieanlagen. Lagerhäuser für Nahrungsmittel, sämtliche Einrichtungen der staatlichen Versorgung, die Banken und natürlich die Universität. Es handelt sich – wenn wir Falludscha und Ramadi einbeziehen – um die absichtliche und systematische Zerstörung aller Städte, die sich der Besatzung widersetzt haben. Die US-Besatzung nannte diese drei Städte (während der Besetzung des Irak ab 2003, Anm. d. Red.) das »Dreieck des Todes«. Die Bombardierung von Wohngebieten, die vielen Toten, die Zerstörung des zivilen Lebens und seiner Einrichtungen in diesen Städten gehören zu dem US-Plan, aus dem Irak einen »gescheiterten Staat« zu machen. Keine Stadt soll in der Lage sein, sich gegen die beabsichtigte Spaltung des Landes zu wehren und zu verhindern, dass Öl und andere nationale Ressourcen des Irak übernommen werden.
Das US-Militär spricht davon, die Universität von Mossul befreit zu haben.
Ich nenne das die Zerstörung von Mossul einschließlich der Universität. Wenn sie die Stadt hätten befreien und die Einwohner retten wollen, hätten sie eine Guerillataktik anwenden können. Doch sie entschieden anders, und Tausende von Zivilisten wurden zu »Kollateralschäden« erklärt. Was in Mossul in der Universität und gegen die Bevölkerung geschah, ist ein Kriegsverbrechen.
Bei einer Bombardierung wurde auch Professor Mohammed Tibi Al-Laila mit seiner Familie getötet. Sie haben bei ihm studiert, was für ein Mann war er?
Professor Mohammed Tibi Al-Laila war ein hochintelligenter, seriöser und engagierter Angehöriger der Fakultät, er nahm seine Arbeit sehr ernst. Er liebte Mossul und hat die Stadt, die Universität und die Studierenden nie verlassen. Nicht in der Zeit der Wirtschaftssanktionen von 1991 bis 2003 und auch nicht während der Besatzung nach 2003. In dieser Zeit verließen mehr als 60 Prozent der Akademiker den Irak. Vor allem diejenigen, die ihren Abschluss in den USA oder Großbritannien gemacht hatten, gingen fort. Sie konnten die schweren Lebensbedingungen und die schlechte Sicherheitslage nicht ertragen. Aber er blieb und betreute mehr als 60 Doktoranden und Masterstudierende im Bereich des Bauingenieurwesens. 2014 wurde er als herausragender irakischer Wissenschaftler ausgezeichnet. Er weigerte sich, sein Haus im Dhubat-Viertel rechts vom Tigris zu verlassen, weil der IS alle Häuser derjenigen beschlagnahmte, die die Stadt verließen. Er starb mit seiner Familie in den Trümmern seines Hauses. Sein Tod ist nicht nur für uns, seine Studenten, eine Tragödie. Es ist eine Tragödie für die ganze Gemeinde der Wissenschaftler, für die Stadt Mossul.
Die Friedensbewegung, Intellektuelle, Wissenschaftler in aller Welt äußern sich kaum zu dem, was in Mossul geschieht. Warum?
Ganz einfach: Die Masse irreführender Medienberichte verschleiert den Blick auf das, was dort geschieht. Die Befreiungsoperation fand zu dem Zeitpunkt statt, als alle Welt auf den Präsidentenwechsel in den USA blickte. Das war sicherlich kein Zufall, niemand blickte auf die Verbrechen, die in Mossul begangen wurden. Hinzu kommt, dass Personen, die das Geschehen in Mossul beim Namen nennen, diffamiert werden, den Terror und den IS zu unterstützen. Sie werden geradezu erpresst. In Europa will man unbedingt das Problem mit den Flüchtlingen loswerden. Man meint, unschuldige Leute im Irak zu töten und ganze Städte zu zerstören sei ein angemessener Preis dafür, um dem IS den Garaus zu machen. Hauptsache, die Flüchtlinge kehren wieder in ihre Heimat zurück und leben dort glücklich weiter.
Die deutschen Medien betonen oft, dass es einen »Religionskrieg« im Irak gibt. Sunniten bekämpften die Schiiten und umgekehrt. Christen, Jesiden, Assyrer verteidigten sich gegen die anderen. Ist das so?
Die Spannungen zwischen den Religionsgruppen wurden von der Besatzung geschaffen, um den Irak zu erobern, zu kontrollieren und alle Ressourcen zu übernehmen. Sie wurden durch eine von den US-Amerikanern geschriebene Verfassung und einen aufgezwungenen, konfessionellen politischen Prozess gefördert. Hunderte von Jahren haben die Iraker friedlich miteinander gelebt. Was heute geschieht, ist ein Interessenkonflikt unter denen, die die Besatzung des Irak betrieben haben. Das wird von den meisten Medien als »Religionskrieg« dargestellt.
Religiöse Minderheiten und Volksgruppen wie die Kurden werden von westlichen Staaten unterstützt. Frankreich und Deutschland beispielsweise bewaffnen und trainieren kurdische Peschmerga, die USA stellt jesidische und assyrische Batallione auf. Der Iran unterstützt schiitische Milizen, und alle zusammen fördern die irakische Armee. Warum?
Die Iraker sind das Volk der mesopotamischen Zivilisationen, sie sind sehr verschieden und doch geeint in ihrer Zivilisation. Als die US-Administration und die britische Regierung entschieden, alle Ölressourcen im Mittleren Osten unter ihre Kontrolle zu bringen, entschieden sie auch, dass Israel sich ungehindert in der Region ausbreiten können soll. Ihnen war klar, dass das nur gelingen kann, wenn sie den Irak aufteilen und in drei oder noch mehr kleinere Gebiete zerschlagen. Diese Fragmentierung verläuft entlang verschiedener Volksgruppen und Religionen, die gegeneinander kämpfen. Gleichzeitig brauchen alle für ihre Kämpfe den Schutz der US-Amerikaner und der NATO. Was wir jetzt sehen, ist sozusagen die »Vollendung« dessen, was sie 1991 mit dem Irak-Krieg, dem Beginn der UN-Sanktionen und dem Schutzzonenregime begonnen haben: die Zerschlagung des Irak.
Wissen Sie, wie viele Menschen noch in Mossul leben?
Seit die militärische Operation begonnen hat, sind etwa 200.000 Menschen geflohen. Demnach dürften noch etwa 800.000 Menschen in Mossul leben.
Was wissen Sie über deren Lebenssituation, wie sieht der Alltag aus?
Die Lage in der Stadt ist schrecklich. Es gibt keinen Strom, kein sauberes Trinkwasser, kein Benzin, keine Nahrungsmittel. Wie sollen die Menschen schlafen können bei dem grauenhaften Lärm der Bombardierungen, der Kampfflugzeuge und in ständiger Angst, dass die eigene Wohnung, das eigene Haus als nächstes von den Raketen zerstört werden könnte? Die Familien wissen nicht, wo sie ihre Kinder oder alte, kranke Angehörige und Nachbarn noch sicher unterbringen können, damit sie nicht verletzt oder getötet werden, wenn die Raketen der »Befreier« ihr Zuhause treffen. Es mangelt an Medikamenten, die Krankenhäuser sind zerstört, und so können selbst einfache, sonst ungefährliche Krankheiten zum Tod von Kindern und Alten führen.
Laut Presseerklärungen des Zentralkommandos der US-Airforce hat die »Anti-IS-Allianz« die Universität von Mossul seit Anfang des Jahres tagelang angegriffen. Am 18.1. heißt es: »Die Befreiung der Universität nimmt dem IS eine bedeutende Basis für seine Operationen und Recherchen. Diese ist kulturell wichtig für die Bewohner von Mossul und als Bildungseinrichtung auch ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt.« Sie haben selber in Mossul studiert und Kontakte zu den Fakultäten, welche Informationen haben Sie von dort?
Sie (die US-Airforce, Anm. d. Red.) müssen das natürlich sagen, um ihre Kriegsverbrechen zu verschleiern. Sie haben die gesamte zivile Infrastruktur in Mossul angegriffen: die Stromversorgung, Wasserwerke, Krankenhäuser, die pharmazeutischen Industrieanlagen. Lagerhäuser für Nahrungsmittel, sämtliche Einrichtungen der staatlichen Versorgung, die Banken und natürlich die Universität. Es handelt sich – wenn wir Falludscha und Ramadi einbeziehen – um die absichtliche und systematische Zerstörung aller Städte, die sich der Besatzung widersetzt haben. Die US-Besatzung nannte diese drei Städte (während der Besetzung des Irak ab 2003, Anm. d. Red.) das »Dreieck des Todes«. Die Bombardierung von Wohngebieten, die vielen Toten, die Zerstörung des zivilen Lebens und seiner Einrichtungen in diesen Städten gehören zu dem US-Plan, aus dem Irak einen »gescheiterten Staat« zu machen. Keine Stadt soll in der Lage sein, sich gegen die beabsichtigte Spaltung des Landes zu wehren und zu verhindern, dass Öl und andere nationale Ressourcen des Irak übernommen werden.
Das US-Militär spricht davon, die Universität von Mossul befreit zu haben.
Ich nenne das die Zerstörung von Mossul einschließlich der Universität. Wenn sie die Stadt hätten befreien und die Einwohner retten wollen, hätten sie eine Guerillataktik anwenden können. Doch sie entschieden anders, und Tausende von Zivilisten wurden zu »Kollateralschäden« erklärt. Was in Mossul in der Universität und gegen die Bevölkerung geschah, ist ein Kriegsverbrechen.
Bei einer Bombardierung wurde auch Professor Mohammed Tibi Al-Laila mit seiner Familie getötet. Sie haben bei ihm studiert, was für ein Mann war er?
Professor Mohammed Tibi Al-Laila war ein hochintelligenter, seriöser und engagierter Angehöriger der Fakultät, er nahm seine Arbeit sehr ernst. Er liebte Mossul und hat die Stadt, die Universität und die Studierenden nie verlassen. Nicht in der Zeit der Wirtschaftssanktionen von 1991 bis 2003 und auch nicht während der Besatzung nach 2003. In dieser Zeit verließen mehr als 60 Prozent der Akademiker den Irak. Vor allem diejenigen, die ihren Abschluss in den USA oder Großbritannien gemacht hatten, gingen fort. Sie konnten die schweren Lebensbedingungen und die schlechte Sicherheitslage nicht ertragen. Aber er blieb und betreute mehr als 60 Doktoranden und Masterstudierende im Bereich des Bauingenieurwesens. 2014 wurde er als herausragender irakischer Wissenschaftler ausgezeichnet. Er weigerte sich, sein Haus im Dhubat-Viertel rechts vom Tigris zu verlassen, weil der IS alle Häuser derjenigen beschlagnahmte, die die Stadt verließen. Er starb mit seiner Familie in den Trümmern seines Hauses. Sein Tod ist nicht nur für uns, seine Studenten, eine Tragödie. Es ist eine Tragödie für die ganze Gemeinde der Wissenschaftler, für die Stadt Mossul.
Die Friedensbewegung, Intellektuelle, Wissenschaftler in aller Welt äußern sich kaum zu dem, was in Mossul geschieht. Warum?
Ganz einfach: Die Masse irreführender Medienberichte verschleiert den Blick auf das, was dort geschieht. Die Befreiungsoperation fand zu dem Zeitpunkt statt, als alle Welt auf den Präsidentenwechsel in den USA blickte. Das war sicherlich kein Zufall, niemand blickte auf die Verbrechen, die in Mossul begangen wurden. Hinzu kommt, dass Personen, die das Geschehen in Mossul beim Namen nennen, diffamiert werden, den Terror und den IS zu unterstützen. Sie werden geradezu erpresst. In Europa will man unbedingt das Problem mit den Flüchtlingen loswerden. Man meint, unschuldige Leute im Irak zu töten und ganze Städte zu zerstören sei ein angemessener Preis dafür, um dem IS den Garaus zu machen. Hauptsache, die Flüchtlinge kehren wieder in ihre Heimat zurück und leben dort glücklich weiter.
Die deutschen Medien betonen oft, dass es einen »Religionskrieg« im Irak gibt. Sunniten bekämpften die Schiiten und umgekehrt. Christen, Jesiden, Assyrer verteidigten sich gegen die anderen. Ist das so?
Die Spannungen zwischen den Religionsgruppen wurden von der Besatzung geschaffen, um den Irak zu erobern, zu kontrollieren und alle Ressourcen zu übernehmen. Sie wurden durch eine von den US-Amerikanern geschriebene Verfassung und einen aufgezwungenen, konfessionellen politischen Prozess gefördert. Hunderte von Jahren haben die Iraker friedlich miteinander gelebt. Was heute geschieht, ist ein Interessenkonflikt unter denen, die die Besatzung des Irak betrieben haben. Das wird von den meisten Medien als »Religionskrieg« dargestellt.
Religiöse Minderheiten und Volksgruppen wie die Kurden werden von westlichen Staaten unterstützt. Frankreich und Deutschland beispielsweise bewaffnen und trainieren kurdische Peschmerga, die USA stellt jesidische und assyrische Batallione auf. Der Iran unterstützt schiitische Milizen, und alle zusammen fördern die irakische Armee. Warum?
Die Iraker sind das Volk der mesopotamischen Zivilisationen, sie sind sehr verschieden und doch geeint in ihrer Zivilisation. Als die US-Administration und die britische Regierung entschieden, alle Ölressourcen im Mittleren Osten unter ihre Kontrolle zu bringen, entschieden sie auch, dass Israel sich ungehindert in der Region ausbreiten können soll. Ihnen war klar, dass das nur gelingen kann, wenn sie den Irak aufteilen und in drei oder noch mehr kleinere Gebiete zerschlagen. Diese Fragmentierung verläuft entlang verschiedener Volksgruppen und Religionen, die gegeneinander kämpfen. Gleichzeitig brauchen alle für ihre Kämpfe den Schutz der US-Amerikaner und der NATO. Was wir jetzt sehen, ist sozusagen die »Vollendung« dessen, was sie 1991 mit dem Irak-Krieg, dem Beginn der UN-Sanktionen und dem Schutzzonenregime begonnen haben: die Zerschlagung des Irak.
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